Volkstanz im Internet 16

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Mai 2017

Volkstanz im Internet 16

Das Internet ist nicht einseitig. Es gibt viele Reaktionen, und neben vielem Unsinn häufig sogar recht vernünftige. Ohne die zahlreichen Rückmeldungen hätte ich meine Internet-Präsenz wohl schon bald aufgegeben.

Ich schreibe hier noch einmal über den Feistritzer Landler, von dem ich mindestens vier unterschiedliche Versionen kenne. Ursprünglich aufgezeichnet wurde er etwa 1908 von Ernst Hamza, Erstveröffentlichung 1913. Wir Klosterneuburger haben einmal versucht, diese ursprüngliche Aufzeichnung zu tanzen. Es kamen sofort Rückmeldungen wie: Das ist ja falsch!

Aber auch diese ursprüngliche Aufzeichnung habe ich jetzt in Kopie ins Internet gestellt. Sie können sie gern beim Feistritzer Landler abrufen und nachsehen, was sich da doch alles geändert hat.

Von einem Bekannten aus der Pfalz bekam ich etwa folgenden Diskussionsbeitrag. Er meinte damit die Diskussion im Fröhlichen Kreis 2/2016 (Hans-Jörg Brenner), 3/2016 (Isabella Stift) und 4/2016 (Franz Fuchs). Bitte dort nachlesen, und wenn Sie vielleicht diese Ausgaben nicht mehr finden sollten, im Internet sind sie leicht zu googeln:

„Ich bin schon lange ein Verfechter der These, dass der echte Volkstanz nicht so gleichförmig und uniformiert ist wie der "Schautanz", der heute von Volkstanzgruppen dargeboten wird. Wenn das Volk früher tanzen ging, dann hat mit Sicherheit jede, jeder so getanzt wie es ihr oder ihm möglich war - und dementsprechend viele Varianten des gleichen Tanzes waren dann auch gleichzeitig auf dem Tanzboden zu beobachten. Natürlich erleichtert es das Zusammentanzen mit fremden Partnern, wenn ein Tanz in Melodie und Schritten detailliert festgelegt wurde. Es ist aber keine zwingende Voraussetzung, denn man kann sich immer den Gegebenheiten anpassen, und so entstehen Varianten und "neue" Versionen oder sogar ganz neue Tänze - Volkstänze eben. Das sollte jeder akzeptieren, der sich mit Brauchtum beschäftigt und nicht pedantisch auf einer ganz exakten Ausführung einer ganz bestimmten Variante bestehen.“

Nun könnte man behaupten, dies sei eine deutsche Ansicht, die in Österreich nicht vertreten wird. Aber ich fand zu diesem Thema auch einen alten Brief von Gottfried Gallasch, Volkstanzleiter in Wien, ich habe ihn bereits 2008 ins Internet gestellt:

Was ist der Unterschied zwischen Kreuzpolka und Cha-Cha-Cha?
Nun, zunächst Gemeinsames: Ich musste für beide Tänze bestimmte Schritte lernen, die ich vorher nicht kannte.
Aber: Ich habe eben nicht einfach Kreuzpolka gelernt, sondern Mühlviertler Kreuzpolka und Ramsauer Kreuzpolka und Marchfelder Kreuzpolka und … - Und zu jeder dieser Kreuzpolkaformen gibt es eine ganz bestimmte „Kenn-“ Melodie, nach der ich ganz bestimmte Bewegungen in ganz bestimmter Reihenfolge tanzen soll.
Hingegen beim Cha-Cha-Cha: Da kenne ich gut einige Dutzend Melodien und auch, zum Teil schwierige, Bewegungen, doch die Reihenfolge und die Auswahl der Schritte sind mir und meiner Tänzerin vorbehalten.
Der Volkstanz hat sicher in der Vor-Aufzeichnungs-Zeit ähnliche Freiheiten geboten und Entwicklungen durchgemacht, wobei wahrscheinlich mancher manchem manches abgeschaut hat, und gleichzeitig gleichartige Bewegungen mehrerer Paare doch auch in der Natur der Sache lagen. So etwas kommt schließlich auch bei Cha-Cha-Cha oder Tango vor.
Doch dann kamen die Aufzeichner und haben Momentaufnahmen gemacht. Versteht mich, bitte, nicht falsch, auch ich bin ihnen dankbar dafür. Der Volkstanz wäre sonst weitestgehend ausgestorben. Die Späteren haben dann diese Momentaufnahmen eingefroren. Auch das war zunächst nicht schlecht. Gemüse friere ich ein, damit es frisch bleibt. Und auch die Volkstänze sollen frisch bleiben. Doch einmal, vielleicht jetzt nach etwa hundert Jahren, sollte man sie wieder auftauen, sonst werden sie für spätere Generationen ungenießbar.
Damit will ich keineswegs zum krampfhaft-fantasievollen Anders-tanzen-wollen-um-jeden-Preis auffordern. Wenn ich mit vielen Tänzerinnen am Cha-Cha-Cha Freude haben will, muss ich mich auch an erlernte Schritte und gewisse Regeln halten. Es muss mit Melodie und Rhythmus zusammenpassen, zur Tangomelodie tanze ich keinen Foxtrott.
So habe ich nach über fünfzig Jahren beim Volkstanz immer noch Freude am Erlernten und bin angeregt durch die Kennmelodien. Aber ich habe versucht, einmal eine Drehung oder ein Armschwingen etwas anders zu machen, vielleicht hat es zur Melodie sogar besser gepasst, oder ich bin bei mir unbekannten Tänzen nicht einfach sitzen geblieben, wir haben getanzt, was uns dazu Passendes eingefallen ist. Wenn die Musikanten hin und wieder die Kennmelodien verlassen – umso besser.
Doch Vorsicht: Es gibt Tänze, die gehören genau zelebriert, bei denen macht ein Störenfried den Tanzablauf unmöglich. Richtiges G’spür ist gefragt.
Ich wünsche mir jedoch, dass wir vom sturen „Armbeuge dreißig Grad abgewinkelt in Brusthöhe“ und Ähnlichem wegkommen, ohne dabei die Eleganz zu verlieren. Denn schön getanzt kann auch etwas abweichend von der Schrift sein, und schlampig tanzen kann man auch, wenn man sich genau ans Büchl hält. Gottfried Gallasch

Ich freue mich über Rückmeldungen, vor allem über Anregungen. Franz Fuchs

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